EU-Richtlinie für Abschiebungen

Von Harald Neuber

Drei Jahre lang haben die Länder der Europäischen Union um eine Reform des Abschieberechts gerungen. Was die Innenminister der inzwischen 27 Mitgliedsstaaten am 5.Juni in Luxemburg präsentierten, war für Betroffene und Flüchtlingsorganisationen ein reiner Horrorkatalog. Migranten ohne Papiere und abgelehnte Asylbewerber könnten nach dem Rückführungsverordnung genannten Erlaß künftig auf Verdacht hin anderthalb Jahre lang inhaftiert werden, Minderjährige eingeschlossen. Wer einmal außer Landes geschafft wurde, kann mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt werden – auch wenn in dem abschiebenden EU-Staat weiterhin Ehepartner oder Kinder leben. Prozeßkostenhilfe soll Abschiebehäftlingen nicht mehr in jedem Fall gewährt werden. Und das sind nur wenige der geplanten Repressionen.

Mitte Juni soll der Entwurf der EU-Innenminister im Euro­päischen Parlament in Strasbourg in erster Lesung beraten werden. Mitglieder der linken Fraktion sowie Teile der Grünen und der Sozialdemokraten widerspre­chen dem Vorhaben, aber noch ist nicht klar, ob sie die Richtlinie aufhalten können. Falls sich die Kritiker durchsetzen, müßte das Vorhaben überarbeitet werden – ein Vorgang, der erneut mehrere Jahre in Anspruch nehmen dürfte.

Nicht nur Boliviens Präsident, sondern auch Flüchtlings- und Menschenrechtsgruppen warnen vor einer Abseg­nung der Abschieberichtlinie. Gegenüber dem in Berlin erscheinenden Tagesspiegel (Ausgabe vom 7.Juni) be­zeichnete Amnesty International das Vorhaben sogar als verfassungsrechtlich bedenklich. Martin Glasenapp von der medizinischen Hilfsorganisation Medico International urteilte: »Das heißt de facto, daß die Festung Eu­ropa dichtgemacht wird«.

Angesichts der Proteste wirkt das Urteil von offizieller EU-Seite fast zynisch. So nannte Justizkommissar Ja­ques Barrot die Gesetzesinitiative laut Nachrichtenagenturen »ganz eindeutig ein Fortschritt«. Die Betroffenen bekämen mehr Rechtssicherheit, sagte der Franzose. Zudem würde Abschiebehäftlingen künftig der Anspruch auf medizinische Behandlung zugestanden. Daß diese Garantie nach internationalen juristischen Standards eine Selbstverständlichkeit ist, sagte Barrot nicht. Ebenso hätte er als Vorteil der geplanten Regelung anführen kön­nen, daß Abschiebehäftlinge in der EU künftig Essen, Getränke und Kleidung bekommen.
Ehrlicher äußerte sich der Staatssekretär im deutschen Innenministerium, Peter Altmaier. Der CDU-Politiker beschrieb den deutschen Beitrag zur Richtlinie so: »Wir haben im Sinne Deutschlands erreicht, daß die Ab­schiebungen von denen, die wir loswerden wollen, in Zukunft erleichtert werden

 

»Der deutsche Unrechtsstandard wird Europanorm«

EU will Flüchtlinge künftig bis zu 18 Monate in Abschiebehaft nehmen. Ein Gespräch mit Martin Glasenapp   Interview: Gitta Düperthal

Martin Glasenapp ist einer der Sprecher der Organisation Medico International, die sich für die Rechte von Flüchtlingen ein­setzt

Die EU-Staaten wollen künftig Menschen ohne legalen Aufenthalt vor einer Abschiebung bis zu 18 Mona­ten ins Gefängnis sperren können. Das sieht eine Richtlinie vor, die die Innenminister vergangene Woche in Luxemburg verabschiedeten. Nun muß nur noch das Europaparlament zustimmen, die erste Lesung findet am 18. Juni statt. Welche Rolle spielt Deutschland bei dieser Entscheidung?
Deutschland ist einer der härtesten Verfechter dieses Beschlusses und versucht, die Verschärfung mit Hilfe des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy durchzusetzen, der ab Juni die EU-Präsidentschaft innehat. Innen­minister Wolfgang Schäuble (CDU) arbeitet also erfolgreich am einheitlichen Abschieberaum Europa, in dem deutscher Unrechtsstandard zur Norm werden soll. Denn im Gegensatz zu den meisten EU-Ländern können hierzulande ausreisepflichtige Flüchtlinge jetzt schon bis zu eineinhalb Jahren festgehalten werden.

Die deutschen Flüchtlingsorganisationen Medico International und Pro Asyl kritisieren die Entscheidung der Innenminister. Sie verlangen neue rechtliche Schutzbestimmungen, weil sich durch die Globalisierung die Gründe für Flucht und Migration geändert haben. Sie haben den Begriff »Überlebensflüchtlinge« ge­prägt …
Für die Migration gibt es schon länger nicht mehr nur die klassischen Ursachen wie Folter, Krieg oder Diskri­minierung. Zunehmend werden ökonomische und ökologische Gründe zu Fluchtursachen. Die UN schätzt bei­spielsweise, daß künftig mehr als 50 Millionen Menschen aufgrund von Wüstenbildung, Überschwemmung und ökologischen Katastrophen ihre Heimat verlassen müssen. Deshalb sprechen wir jetzt von »Überlebensflücht­lingen«. Vor diesem Hintergrund muß es eine Wirtschafts- und Handelspolitik geben, die den Schutz der Le­bensgrundlagen ernst nimmt.

Warum wird bei solchen Entscheidungen der Innenminister, die Europa zur Festung machen wollen, kaum Protest sichtbar?
Als vor 15 Jahren, im Mai 1993, das Asylrecht abgeschafft wurde, mußte der Bundestag mit 4000 Polizisten und Stacheldraht vor antirassistischen Protesten geschützt werden. Heute ist die Solidarität mit denjenigen, die keine Personalpapiere haben und mit migrantischen Selbsthilfegruppen eher lokal zu finden. Es ist leider rich­tig: Was den Schutz von Flüchtlingen angeht, erleben wir in unserer Gesellschaft eine weitverbreitete Teil­nahmslosigkeit. Sicher wirken dabei auch die zunehmende Massenarmut und die Angst vor der eigenen Zu­kunft mit. Ein Blick in die Statistik zeigt, daß die Quote der Asylanträge 2007 auf den Stand von 1977 zurück­gefallen ist. Die umfassende europäi­sche Abschottung hat also längst gegriffen.

Und dennoch gibt es eine massive rassist­ische Stimmung...
Ja, das jüngste Beispiel ist Italien, wo nicht nur die rechte Regierung eine rassistische Abschiebepolitik fordert. In Neapel und Mailand wurden Barackensiedlungen von Sinti und Roma mit Brandsätzen angegriffen. Auch Sarkozy pflegt gegenüber der schwarzafrikanischen und maghrebinischen Bevölkerung einen offenen Chauvi­nismus. Dabei ist der vermeintliche Ansturm von Armutsflüchtlingen tatsächlich eine Propagandalüge: 150000 Afrikanerinnen und Afrikaner sind 2007 nach Europa gekommen, 130000 Menschen nahmen im gleichen Zeit­raum den umgekehrten Weg, von Europa nach Afrika.

Ihrer Ansicht nach ist die Praxis der europäischen Grenzschutzagentur FRONTEX inhuman. Begründung?
Inhuman ist es, wenn Menschen, die in Booten von der afrikanischen Küste starten, und vor den kanarischen Inseln in Seenot geraten, nicht an Bord genommen werden. Oder wenn griechische Küstenpolizisten im Ägäi­schen Meer mit Äxten Löcher in Flüchtlingsboote hacken. Inhuman ist auch, daß das FRONTEX-Budget, das dazu dient, Flüchtlinge von Europa fernzuhalten, von rund 17 Millionen Euro im Jahre 2006 auf 70 Millionen in diesem Jahr gestiegen ist.

Wie groß sind die Chancen, das EU-Gesetzesvorhaben zu kippen?
Ich hoffe, daß es im EU-Parlament massiven Einspruch gibt. Wir gehen auch davon aus, daß auf dem europäi­schen Sozialforum im September in Malmö Gegenwehr organisiert wird.      Infos unter medico.de